Der St. Annafriedhof in Heidelberg

Der Friedhof Ecke Plöck/Sofienstraße

Der Heidelberger St. Annen-Kirchhof, heute allgemein als St. Annafriedhof bezeichnet, wird Ende des 16. Jahrhunderts angelegt. Der Friedhof lag ungefähr innerhalb des Bereichs zwischen der heutigen Friedrich-Ebert-Anlage und der Plöck, östlich begrenzt durch die Nadlerstraße, westlich durch die Sofienstraße. Nach Aktenlage stand bis ins 18. Jahrhundert ein “Karner“ auf dem Friedhof. Anfang des 18. Jahrhunderts ist das Gebäude so verfallen, dass es nur noch als Beinhaus genutzt wird und bald danach die Ruine ganz abgetragen wird. Die heutige, 2009 für 410.000 € renovierte, St. Anna Kirche, wird 1714 außerhalb des Friedhofs als Spitalkirche erbaut.

(“Aktenmaterial des Karlsruher Generallandesarchiv über Heidelberger Friedhöfe“ bei: H. Derwein, Kurpfälzer Jahrbuch 1930, S. 62 und S. 68, Nachtrag; s. u. Literatur / Quellen).
Über Kärner siehe auch: H. Derwein, Geschichte des Christlichen Friedhofs in Deutschland, Ffm. 1931, bes. S. 41ff u. 49ff; hier wird beschrieben, dass der Karner i. d. Regel eine Totenkapell mit integriertem Beinhaus war.


Ein Friedhof für alle

Bei H. Derwein 1930, S. 62, ist weiter zu lesen, dass die Toten bis 1715, wahrscheinlich auch später, ohne Rücksicht auf die Konfession „durcheinander“ bestattet werden und dass neben Fremden viele Heidelberger hier beigesetzt werden, darunter „“… arme Sünder, Bettler, Einwohner, die nicht das Bürgerrecht erhalten hatten, ferner das Militär. Sicher wurde der Friedhof, der 1735 in schlechtem Zustand geschildert wird, zeitweilig nicht als standesgemäß empfunden.“. So kämpften die Angehörigen und Freunde verstorbener “Fremder“oft darum, ihre Toten auf einem Kirchhhof, bes. dem Kirchhof um die St.-Peterskirche gegen eine Gebühr bestatten zu dürfen.

Die vom Oberamt Heidelberg am 23. Juni 1830 erlassene und vom Kreisdirektorium bestätigte Leichen- und Kirchhofsordnung bewirkte „einen starken Bruch mit der Überlieferung“ (Derwein 1930, 65;). In der Neuen Speyerer Zeitung ist zu lesen: “Heidelberg. Hier kam eine neue Leichenordnung heraus, die allenthalben Nachahmung verdient. …“ Für den St. Annafriedhof bedeutet dies zum Beispiel, dass die Beisetzungen unentgeltlich sind für alle Einwohner und Fremden beider Konfessionen. Erwachsene und Kinder sind in getrennte Reihen zu legen. Dazu muss der Friedhof ausgemessen und eingeteilt werden. Im Zuge dieser Maßnahme wird wohl auch in der Mitte des Friedhofs ein mit Steinen eingefriedetes Areal als Freifläche für Familiengrabstätten ausgewiesen. Und es soll bei dem Erwerb von Familiengrabstätten die immerwährende Erhaltung zugesichert werden: “Unantastbare eigenthümliche Grabstätten“. Auf der Kaufgräberurkunde steht noch der Name “St. Annen-Kirchhof”.


Der Friedhof erfährt eine Aufwertung

Bergfriedhof, Litera J 482-483 (Benecke) und J 484 (Schwarz)
L. A. W. Benecke und F. H. C. Schwarz - Nach der Umbettung letzte Ruhestätte auf dem Bergfriedhof.

Um diese Zeit erfährt der St. Annafriedhof durch die Bestattung namhafter Bürger Heidelbergs eine Aufwertung: Johann Heinrich Voss (1751-1826), Dichter und Übersetzer von Homers “Odyssee“ und „Ilias“) findet hier seine (vor)letzte Ruhestätte. Ebenso Anton Friedrich Justus Thibaut (1772-1840), Rechtsgelehrter und Musiker. Auch die Theologen Karl Daub (1765-1836) und Friedrich Heinrich Christian Schwarz (1766-1837) werden hier beerdigt. Ebenso der Schriftsteller Levin Anton Wilhelm Benecke (1776-1837).
Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wird die im Kindbett gestorbene Sophie Friederike Brentano (1770-1806), Ehefrau von Clemens Brentano, mit ihrem tot geborenen Kind auf dem St. Annafriedhof beigesetzt. Sie ist unter dem Namen Sophie Mereau als eine Schriftstellerin der deutschen Romantik bekannt und wurde von Friedrich Schiller gefördert.


Der St. Annafriedhof wird geschlossen

Bergfriedhof, Litera D 348-349 (Voss) und D 350-351 (Thibaut)
Voss und Thibaut - Nach der Umbettung letzte Ruhestätte auf dem Bergfriedhof

1845 wird der Friedhof offiziell geschlossen und zunächst Teile des Friedhofs als Anlage umgestaltet, ab 1863 beginnt man mit der Errichtung von Gebäuden. Als 1870 die Stadt Heidelberg Bereiche direkt um die Kaufgräber als Grundstücke zur Bebauung frei gibt, wird den Nutzungsberechtigten der Grabanlagen ein neuer Grabplatz auf dem 1844 eröffneten Bergfriedhof angeboten, mit der Option, dass nur die Überführungskosten in Rechnung gestellt werden, die Grabanlage ist dann “Ewiges Eigentum” (so der Eintrag ins Gräberbuch).

So werden im November 1875 die Gebeine von A. F. J. Thibaut und J. H. Voss auf den Heidelberger Bergfriedhof „transferiert“ und nebeneinander beigesetzt (Litera D 348-349 und D 350-351). Die Grabanlage Thibauts wurde später abgeräumt und die Grabstelle neu vergeben bis 2011 das erhaltene Grabmal wieder an seinen Platz kommt und die Grabanlage rekonstruiert wird.


Gegenüber Eingang zum Jüdischen Friedhof
Die Grabanlage der Familie Wild wurde aufgelöst, das Grabmal befindet sich jetzt gegenüber dem Eingang zum Jüdischen Friedhof.

Auch der Theologe F. H. C. Schwarz und Wilhelm Benecke werden laut Familiengräberbuch auf den Bergfriedhof „transferiert“ und findet in der Nähe des „Annaplatzes“ ihre neue Ruhestätte (Litera J 482-483 und J 484).

Weitere Umbettungen auf den Bergfriedhof kann man den Archivalien der Friedhofsverwaltung entnehmen, die Grabanlagen sind heute meist nicht mehr erhalten. Einige Grabsteine sind an anderer Stelle des Bergfriedhofs aufgestellt, so z. B. das Grabmal der Familie Wild gegenüber dem Eingang zum Jüdischen Friedhof.

Die verbleibenden Gräber werden in der Folge eingeebnet, das frei werdende Gelände umgewidmet.


Einige noch erhaltene Grabsteine werden auf den Bergfriedhof verbracht, ebenso der Gedenkstein mit der Inschrift “Anna Stifterin dieses Kirchhofs 1590“. Vorerst an verschiedenen Stellen aufgestellt, werden sie in den 1920er Jahren zusammen mit dem Gedenkstein auf einem großen freien Platz, früher befand sich hier der Haupteingang des Friedhofs, aufgestellt und der Bereich wird Annaplatz genannt.

Über die “ewigen Gräber“ vom St. Annafriedhof schreibt Derwein: “ “Ewig“ und “immer“ sind in der Geschichte des Friedhofswesens Worte, bei denen schon die nächste Generation oft schmerzlich über das Zeitpathos der vorhergehenden lächelt!“ (Derwein 1930, S. 62)


Fragen bleiben offen

Über die Stifterin Anna und die Entstehungszeit des Friedhofs kann man sich bei “Emil J. Vierneisel, Der Heidelberger St. Annakirchhof und seine Stifterin, Ruperto Carola 45, 1968” (s. u. Literatur / Quellen) informieren. Allerdings sei gesagt, dass die zitierten Quellen selbst schon (z. T.) unsichere Zitate sind und man hier der Aussage des Autors “… Es ist klar, dass damit nichts bewiesen ist. …“ (S. 64) in vielem nur zustimmen kann. Über das Aussehen des Friedhofs aus Sicht von M. Merian und P. Isselburg geben Abb. 1 und Abb. 2, Stiche von Merian 1620 (S. 55) und P. Isselburg 1621/22 (S. 57) Auskunft. Ob eines der Gebäude entlang der Plöck als Kapelle gedient hat oder etwa ein weiteres Gebäude (Kapelle mit Beinhaus), bei Meriam steht es innerhalb des durch eine Baumreihe begrenzten Friedhofgeländes, bei Isselstein außerhalb, ist Interpretationssache. Auch das zum Teil verfallene? im südlichen Bereich des Friedhofs gelegene Gebäude könnte als Beinhaus, allerdings nicht mehr als Totenkapelle, dienen. Ein Stich von Matthäus Merian aus dem Jahre 1645 zeigt dieses Gebäude perspektivisch so, dass es zum dahinter liegenden Turm gehören könnte. Der Friedhof liegt an der Südwestecke der historischen Stadtbefestigung, der Pulverturm markiert den Kreuzungsbereich der heutigen Sophienstraße/Friedrich-Ebert-Anlage.

Bei Derwein (1940, Nr. 21) ist zu lesen: “Die alte Stadtmauergasse zog auf den in der Südwestecke der Vorstadt liegenden St. Annakirchhof hin, dessen Kapelle, nach einem Druckblatt von 1714, von Anna, Landgräfin von Hessen, Gemahlin Wolfgangs von Neiburg, 1563 erbaut wurde.” (Das Druckblatt ist eine der Quellen, auf die sich auch Vierneisel (s. o.) bezieht).

Weitere Quellen von Vierneisel:

Melchior Adamus, Apographum Monvmentorvm Haidelbergensivm, 1612, S. 114-117;

Adolf von Oechelhäuser 1913, S. 117f;


Literatur / Quellen

Melchior Adam
Apographum Monumentorum Haidelbergensium

Heidelberg 1612

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: Barth 94 RES

In digitaler Form UB-Heidelberg

Herbert Derwein
Vom Heidelberger Begräbniswesen in früherer Zeit

in: Kurpfälzer Jahrbuch 1930, S. 54-68

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: B 5244-49

Herbert Derwein
Geschichte des Christlichen Friedhofs in Deutschland

Frankfurt / Main 1931

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: Q 7280-2-20

Herbert Derwein
Die Flurnamen von Heidelberg
Straße/Plätze/Wald/Feld. Eine Stadtgeschichte.

Heidelberg 1940

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: A 2721-1-12

Ernst Mushake (Schriftführer)
Die Friedhöfe in Heidelberg
Führer durch die christlichen und jüdischen Friedhöfe

Frankfurt/Main o. J. (1929)

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: KG IV h 159

Adolf von Oechelhäuser / Franz Xaver Kraus (Hrsg.)
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogtums Baden (Bd. 8,2)
Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Heidelberg (Kreis Heidelberg)

Tübingen 1913

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: C 3924-2::8,2

In digitaler Form UB-Heidelberg

Emil J. Vierneisel
Der Heidelberger St. Annakirchhof

in: Sonderdruck aus “Ruperto-Carola, 20. Jhg., Bd. 45, Dezember 1968, S. 54-69;

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: 2007 R 1127

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