Wilhelm Furtwängler

Wilhelm Furtwängler
Wilhelm Furtwängler, 1928, Radierung

Wilhelm Furtwängler (25. Januar 1886 in Berlin-Schöneberg – 30. November 1954 in Ebersteinburg bei Baden-Baden) war ein deutscher Dirigent und Komponist, er gilt als einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Furtwängler war ein Sohn des Archäologen Adolf Furtwängler, der schon als junger Dozent einen hervorragenden Ruf bei seinen Kollegen hatte. Als er die außerordentliche musikalische Begabung seines Sohnes erkannt hatte, nahm er ihn von der Schule und ließ ihn privat in den Schulfächern und vor allem in Musik unterrichten. Als Einzelkind ließen ihm seine Eltern außergewöhnlich viel Freiheit für seine Entwicklung, so daß er bald einen Hang zur ernsten, schicksalhaften Musik und Tragik in der Dichtung entwickelte.

Was macht nun die besondere Eigenart von Furtwänglers Dirigaten aus, die als überragend und unvergleichlich von Musikliebhabern empfunden wurden? Furtwängler durchdrang und beherrschte seine aufzuführenden Werke in jeder Hinsicht, wie viele seiner Zeitgenossen äußerten. Das teilte er zwar auch mit anderen Pultgrößen wie vor allem Arturo Toscanini, mit dem er oft verglichen wurde. Doch bei Furtwängler kam noch eine ausgeprägte Gewißheit und Sicherheit in der Analyse des Notenmaterials hinzu. Daher konnten seine Interpretationen eines bestimmten Werkes jeweils sehr unterschiedlich klingen und wurden doch jedes Mal als in sich stimmig und überzeugend empfunden. Diese Besonderheit wurde ihm als Subjektivität von den Vertretern der „Werktreue“ und der „Objektivität“ einer Komposition vorgeworfen. Aus diesem Lager erfolgten anfangs die meisten Anfeindungen.

Nach dem 2. Weltkrieg kam noch die moralische Kritik hinzu, die ihm übel nahm, nicht aus Nazi-Deutschland emigriert zu sein und sich auf Kompromisse mit den Machthabern eingelassen zu haben. Ein Spielfilm von 2001 (Taking sides) verstärkte und spitzte diesen Moralismus noch einmal zu, überlagerte den Grund für Furtwänglers musikalische Einmaligkeit und stellte diese damit grundsätzlich in Frage. Seine Hilfe für jüdische Musiker, sein Ekel gegenüber der NS-Diktatur und seine Selbstzweifel spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Furtwänglers Entscheidung, im Regime auszuharren und für die Dagebliebenen Trost und Halt in der Musik zu geben, wie es etwa der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb, wird von seinen Gegnern als unglaubwürdig abgewertet. Neutrale Biographen wie Prieberg halten ihm eine Selbsttäuschung über seine Möglichkeiten zugute.

Furtwängler hatte von früher Jugend an eine Passion für die Klangwelt und Melodik des 19. Jahrhunderts entwickelt. Er liebte die große Form der Sinfonie, die große Besetzung eines Sinfonie-Orchesters und eine reiche Klangfülle: am liebsten von Beethoven und später die Opern Richard Wagners. Eine wachsende Gemeinde von Furtwängler-Anhängern schätzt heute ebenfalls diese Klangfülle, stets sicher und überzeugend von ihm interpretiert. Trotz oder vielleicht wegen dieser musikalischen Souveränität war Furtwängler ein völlig uneitler und bescheidener Mensch, der immer offen für Neues und konstruktive Einwände war. Hinzu kam ein sehr starkes Empfinden für das Tragische in der Musik. Sein lebenslanger Herzenswunsch, mehr als Komponist denn als Dirigent anerkannt zu werden, konnte er nicht mehr durchsetzen. Er starb im Alter von 68 Jahren.

Grabstelle: Litera R 805-807


Grabanlage Furtwängler, Litera R 805-807 Grabanlage Furtwängler, Litera R 805-807 Grabanlage Furtwängler, Litera R 805-807

Literatur

Gottfried Kraus (Hrsg.): Ein Maß, das heute fehlt. Wilhelm Furtwängler im Echo der Nachwelt. Müller, Salzburg 1986, ISBN 3-7013-0710-5.

Elisabeth Furtwängler: Über Wilhelm Furtwängler. Brockhaus, Wiesbaden 1979, ISBN 3-7653-0307-0.

Fred K. Prieberg: Kraftprobe. Wilhelm Furtwängler im Dritten Reich. Brockhaus, Wiesbaden 1986, ISBN 3-7653-0370-4.

Wilhelm Furtwängler. Aufzeichnungen. 1924 – 1954. Hrsg. von Elisabeth Furtwängler, Brockhaus, Wiesbaden 1980, ISBN 3-7653-0316-X.