Auch Friedhöfe haben eine Zukunft – entscheidend ist, wie diese aussieht

Bergfriedhof Litera R Teilansicht

Durch fortschreitende Privatisierung im Friedhofsbereich wird das Werben um “Kunden” zunehmen, die Zielgruppen werden sich im Zuge der Vorsorge schon zu Lebzeiten persönlich mit der Frage wo/wie sie bestattet werden wollen, auseinandersetzen.

Frühzeitig jeweils ein Marketingkonzept – unter Berücksichtigung gartenbaulicher Konzeption – für kommunal geführte Friedhöfe zu erarbeiten und dabei Weitsicht walten zu lassen (Grabplätze werden in Heidelberg für mind. 25 Jahre vergeben), ermöglichen im Wettbewerb mitzuhalten und schwarze Zahlen zu schreiben.


Die Schatzkammer (in jeglicher Hinsicht!) Heidelberger Bergfriedhof

Bergfriedhof Litera X - Teilansicht

Eine hervorragende Chance, am Markt zu bestehen, hat der Heidelberger Bergfriedhof. 1844 wurde er am Fuße und den Hängen eines Weinberges angelegt und mehrmals erweitert. Später wurde oberhalb angrenzendes Waldgebiet in Hanglage mit in den Friedhofsbereich integriert.

Die Heidelberger Kommune “bewirtschaftet” seit Eröffnung des Friedhofs unter zum Teil sehr schwierigen Bedingungen auch den in Hanglage befindlichen Bereich des Friedhofs (50% der Friedhofsfläche?). Die Vegetation ist so gewählt, dass sie sich den Naturgegebenheiten anpasst und so vermittelt wird, dass der Friedhofsteil ein Waldgebiet in Hanglage ist, an dessen Wege sich die Grabanlagen befinden. Auch die Grabanlagen selbst mit ihren Grabzeichen sind von den Nutzungsberechtigten zu einem Großteil so gestaltet, dass sie sich in die natürliche Umgebung einpassen.

Das Nutzungsrecht an Familiengräber in diesem Gebiet wird in zunehmenden Maße nicht verlängert. Durch Abräumen der Grabanlagen entstehen immer größere Lücken. Als Grund für die Rückgabe des Nutzungsrechts wird oft der beschwerliche Weg zum Grab genannt und ältere Menschen haben außerdem Angst, alleine in diesem Teil des Friedhofs unterwegs zu sein. Aus den gleichen Gründen werden die Grabstellen nicht neu vergeben.


Baumbestattungen sind ein Anfang

Bergfriedhof Waldabteilung - Baumbestattung

Immer mehr Menschen wollen aus den verschiedensten Gründen nicht mehr “konventionell” bestattet werden. Sie suchen nach einer Alternative, die mehr ihren Vorstellungen von der “letzten Adresse” entspricht. Naturverbundenheit über den Tod hinaus ist nur einer der Gründe, wenig bis kein Pflegeaufwand ein weiterer. Heidelberg bietet mittlerweile Baumbestattungen an und nutzt damit eine Marktlücke. Das Angebot, auf dem “behüteten” Areal eines Parkfriedhofs mit Waldgelände in Hanglage bestattet zu werden, ist sicher ein Wettbewerbsvorteil gegenüber “Friedwäldern”.


Denkmalschutz im Bereich Gartenbauarchitektur als verkaufsfördernde Angelegenheit

Bergfriedhof Waldabteilung - Teilansicht

Doch der Bergfriedhof hat noch viel mehr zu bieten! Es ist angebracht, sehr zeitnah eine Neukonzeption bez. der Vergabe von Grabstellen an den Hängen und in der Waldabteilung des Bergfriedhofs zu erarbeiten. Lage und Vegetation ist nach unseren Erkenntnissen zumindest in Deutschland einmalig. Dies ist eine große Chance, am Markt zu bestehen, weil neue Zielgruppen – auch außerhalb des Heidelberger Bereichs – angesprochen werden können.
Wer sich ein Grab auf einer Terrasse am Hang eines Waldgebietes wünscht, kann hier fündig werden – auch als Erdgrab! Eine Baumbestattung in “Einzelgrablage” ist ebenso möglich wie ein Urnengrab in einem verborgenen Winkel. Es gibt mehr- oder weniger sonnige Plätze, Grabstellen am Wegesrand oder eher in unwegsamen Gebiet.


Das Konzept “Bestattung in der Natur” muss für die Zielgruppen ohne Kompromisse nachvollziehbar sein. Dies setzt eine strikte Reglementierung bez. Grabzeichen, Grabeinfassung und Vegetation der ausgewählten Grabstelle voraus – Kultur und Natur müssen eine Einheit bilden.

Dies kann z. B. mit einem Findling (stehend mit optimaler Verkehrssicherheit oder liegend) als Grabzeichen, wenn Einfriedung gewünscht (darf nicht zwingend sein) einer Brockeneinfassung als Begrenzung der Grabanlage und ortsüblicher Vegetation in befriedigendem Maße erreicht werden.

In diesem Teil des Friedhofs sollten auch anonyme Kaufgräber vermehrt angeboten werden. Für eher unwegsames Gebiet ist dies sogar Voraussetzung.


Neues Nutzungskonzept historischer Grabanlagen

Bergfriedhof Waldabteilung - Grabanlagen auf einer der Terrassen

Die noch erhaltenen historische Grabanlagen sollten unbedingt, auch wenn aus kunsthistorischer Sicht “grenzwertig”, bei Rückgabe des Nutzungsrechtes nicht abgeräumt werden – besonders wenn sie sich noch als Ensemble in einem lückenlosen Verbund befinden.
So kann das ursprüngliche gartenbauliche Konzept, das auf die Entwürfe des Gartenbauinspektors Johann Metzger aufbaut und zum Prinzip hat, die natürlichen Geländestrukturen zu erhalten und sowohl Vegetation als auch das Material der Grabanlagen den Gegebenheiten anzupassen, nachvollzogen werden.


Historische Grabanlagen in städtischer Hand sind hervorragend für “Gemeinschaftsgrabstätten” zu nutzen. Je nach Größe der Grabanlagen wird hierbei die Anzahl der Urnengrabplätze innerhalb der Grabanlage festgelegt, das Nutzungsrecht separat für jedes Urnengrab vergeben, die Grabpflege von der Stadt übernommen (bzw. an ortsansässige Gärtnereibetriebe vergeben). Außerdem sind ggf. nötige Instandsetzungsmaßnahmen an der Grabanlage von der Stadt zu übernehmen. Um die anfallenden Kosten zu decken, muss die Nutzungsgebühr der Urnengrabplätze entsprechend kalkuliert werden (Nutzungsrecht/Pflegeaufwand/Instandsetzen der historischen Substanz). Die Möglichkeit von Sargbestattungen muss bei Bedarf geprüft werden und ist bei großen Grabanlagen eine Alternative zur Urnenbestattung.


Wünsche zur "letzten Adresse Bergfriedhof"

Bergfriedhof Waldabteilung - Teilansicht

An dieser Stelle schlaglichtartig Wünsche der “neuen” Zielgruppe, die der Heidelberger Bergfriedhof erfüllen kann ohne neue Grabplätze auszuweisen. Bei allen Vorschlägen handelt es sich also um zur Zeit “leere” Kaufgräber, die während der “Vollbelegung” des Bergfriedhofs an Nutzungsberechtigte vergeben waren!


  • Ich möchte im Wald in einer historischen Grabanlage bestattet werden (z. B. durch Patenschaft einer Denkmalgeschützter Grabanlage)
  • Ich möchte im Wald in einer historischen Grabanlage bestattet werden ohne Pflegeaufwand (z. B. in einer “Gemeinschaftsgrabstätte” – historische Grabanlagen in städtischer Hand sind in verschieden großen Abmessungen verfügbar!)
  • Ich möchte ein Plätzchen im Wald mit einem kleinen Findling als Grabzeichen (z. b. Übernahme einer Patenschaft einer Grabanlage, die sich in städtischer Hand befindet oder Neuanlage eines Grabes mit Findling und Grabeinfassung als Begrenzung).
  • Ich möchte ein Plätzchen im Wald mit einem kleinen Findling als Grabzeichen ohne Pflegeaufwand (z. b. Grabplatz mit solitärem Findling ohne Grabeinfassung).
  • Ich möchte ein schönes Plätzchen im Wald ohne Pflegeaufwand (z. B. auf einer Lichtung unter einem Gehölz ohne Grabzeichen ggf. mit dezenter Namenstafel in Naturmaterial)
  • Ich möchte im Wald bestattet werden – ohne verbrannt zu werden (bei “Friedwald” Pflicht) – ohne Pflegeaufwand (z. B. als anonymes Kaufgrab).
  • Ich möchte an den Wurzeln eines Baumes bestattet werden – exklusiv (z. B. als anonymes Kaufgrab oder als “Familienbaum” mit Namenstäfelchen)
  • Ich möchte einen sonnigen Platz an einem lichten Waldhang ohne Pflegeaufwand (z. B. anonymes Kaufgrab in für Friedhofsbesucher heute nicht mehr begehbarer Hanglage – Aufsteller mit Namen der im Hang Bestatteten und Blumeninsel am Fuß des Hangs).
  • Ich möchte an einem verwunschenen Plätzchen unter einem Busch bestattet werden (z. B. anonymes Kaufgrab außerhalb des heutigen Wegenetzes).

Weitere – eher ausgefallene Wünsche – können sicher auch erfüllt werden, unter Einhalten der gesetzlichen Vorschriften und untere Einhaltung der, leicht modifizierten, Friedhofssatzung.


Persönlichkeiten in unmittelbarer Nachbarschaft der zukünftigen Nutzer

Bergfriedhof Waldabteilung B Litera 496-522 - Carl Bosch
Ruhestätte von Carl Bosch

Menschen, die sich in der Waldabteilung des Bergfriedhofs bestatten lassen, haben berühmte Persönlichkeiten als Nachbarn. An dieser Stelle seien die beiden Nobelpreisträger Carl Bosch (1874-1940) und Richard Kuhn (1900-1967) genannt, der Rechtsgelehrte und Reichsjustizminister Gustav Radbruch (1878-1949), die Sozialpolitikerin Marie Baum (1874-1964), der Anthropologe und Vorgeschichtsforscher Otto Schoetensack (publizierte den Unterkiefer des homo erectus heidelbergensis), der Chemiker Theodor Curtius (1857-1928), Familie Berk (Betty Barclay), der Mediziner und Namensgeber einer der Med. Unikliniken Ludolf von Krehl (1861-1937), der Astronom Max Wolf (1883-1932) der Dichter und Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf (1880-1931) und die Schriftstellerin Hilde Domin (1909-2006). Viele weitere bekannte Persönlichkeiten sind hier und auch auf den Terrassen unterhalb der Waldabteilungen bestattet.


Denkmalpflege/Marketing

Ein Großteil der kommunalen Heidelberger Friedhöfe sind Anfang des letzten Jahrhunderts oder sogar früher eröffnet worden. Seit dieser Zeit verändert sich das Gesicht der Friedhofsanlagen ständig, wobei die historischen Grabanlagen immer mehr die prägende Rolle übernehmen.
Deshalb sind die Kriterien, unter denen eine Grabanlage als erhaltenswert eingestuft wird, sehr sorgfältig festzulegen.

Nur akuter Platzmangel rechtfertigt das Abräumen historisch wertvoller Grabanlagen. Auf Heidelberger Friedhöfen ist damit auf absehbare Zeit nicht zu rechnen.
Finanzielle Argumente als Grund für ein Auflassen alter Grabanlagen greift zu kurz. Zukünftig wird der Bereich Spulkralkultur wieder mehr in den Vordergrund rücken. Durch fortschreitende Privatisierung im Friedhofsbereich wird auch hier das Werben um “Kunden” zunehmen, die Zielgruppen werden sich im Zuge der Vorsorge schon zu Lebzeiten persönlich mit der Frage wo/wie sie bestattet werden wollen, auseinandersetzen.


Bergfriedhof Litera Y - Teilansicht
Hier ist Ensembleschutz wichtig - die beiden mittleren Grabanlagen sind nicht als erhaltenswert eingestuft!

Friedhofsanlagen mit historischen und/oder künstlerisch wertvollen Grabdenkmalen und altem Baumbestand werden die “Verkaufsargumente” kommunaler Mitarbeiter sein. Friedhöfe, die ihr historisches Erbe und damit ihr Gesicht verloren haben, verlieren auch ihre Attraktivität als Ort der letzten Ruhestätte für Familienangehörige.

Besonders auf dem Heidelberger Bergfriedhof sind viele alte, das Bild des Friedhofs prägende Grabanlagen, nicht als erhaltenswert eingestuft weil sie aus kunsthistorischer Sicht nicht spektakulär sind. Sie werden in der Regel bei Rückgabe des Nutzungsrechts abgeräumt. Hier muss eine umfassende Neubewertung statt finden und intensiv für Grabpatenschaften geworben werden! Ein kleiner farbiger Kissenstein kann die Besucher des Friedhofs darauf hinweisen, dass die historische Grabanlage auf eine Patin oder einen Paten wartet und im Bedarfsfall auch als Grabstätte genutzt werden kann.


Wichtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit

bergfriedhof Litera V neu - Teilansicht
Mehr als 100 Jahre Friedhofskultur - eine Facette

Informierte und motivierte Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung sind für die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtige. Sie sind an “vorderster Front” tätig und können beim Erstkontakt potentieller “Kunden” die Weichen stellen für z. B. eine Grabpatenschaft.

Besonders aber die Sensibilisierung für die richtige, d. h. für einen historisch gewachsenen Friedhof passende, Auswahl des Grabmals bez. Material/Gestaltung liegt neben dem Steinmetz (der nicht immer die Sichtweise von Denkmalschützern teilt und auch wirtschaftlich denkt) in den Händen der Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung. Sie haben durch kompetente und überzeugende Beratung der Nutzungsberechtigten einer Grabanlage einen nicht zu unterschätzenden Spielraum bezüglich der Gestaltung der Friedhofsanlage.

Auch der Friedhof hat eine Zukunft! Wer heute daran denkt, kann das zukünftige Gesicht der Heidelberger Friedhöfe im positiven Sinne mitgestalten!!

Schöne, parkähnlich gestaltete Friedhöfe mit ansprechenden Grabanlagen sind in ihrer Gesamtheit “Werbeträger” bei der Gewinnung von neuen Nutzungsberechtigten. Der Markt wird enger (Friedhöfe in privater Hand, z. B. Friedwälder). Auch für den Verkauf von Gräbern auf kommunalen Friedhöfen muss heute geworben werden! Zum Beispiel mit “wir haben etwas Exklusives anzubieten”!


Fazit

Die Heidelberger Friedhöfe haben eine Zukunft – es liegt an den Bürgerinnen und Bürgern, wie diese aussieht. Möglichkeiten haben wir hier aufgezeigt.