Georg Jellinek

Georg Jellinek
Georg Jellinek

Georg Jellinek (16. Juni 1851 in Leipzig – 12. Januar 1911 in Heidelberg) war ein deutscher Rechtswissenschaftler für Staats- und Völkerrecht.

Er wurde als ältester Sohn des Wiener Oberrabbiners Adolf Jellinek geboren, einem Vertreter des liberalen Bildungsbürgertums. Georg Jellinek wird heute zu den führenden Juristen der Kaiserzeit gezählt. Als Staatsrechtslehrer an der Universität Heidelberg schuf er mit der 800 Seiten starken „Allgemeinen Staatslehre“ (1900) für lange Zeit das Standardwerk seines Fachs. In seinem Hauptwerk analysiert er auf politikhistorische, ideengeschichtliche, rechtsphilosophische und juristisch-dogmatische Weise die Entwicklung des Staates vom Mittelalter bis zur Moderne. Damit werden auch einige wesentliche Eigenschaften von Jellinek benannt. Er war ein vielseitig interessierter Bildungsbürger gewesen, der über ein großes Wissen in Philosophie, Geschichte, Literatur und Soziologie verfügte. Wie auch Radbruch legte er sich erst spät auf eine rechtswissenschaftliche Laufbahn fest und gewann durch seine weitreichenden geistes- und sozialwissenschaftlichen Kenntnisse einen neuen und gründlichen Zugang zum Staatsrecht. Seine erfolgreichste und mehrfach übersetzte Veröffentlichung (Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, ein Beitrag zur modernen Verfassungsgeschichte, 1895) handelt über die Entwicklung der Menschenrechtsdeklarationen. Er stellt darin die Vorbildfunktion der Grundrechtserklärungen in den englischen Kolonien von Nordamerika für die Französische Revolution von 1789 heraus. Damit regte er wiederum seine Heidelberger Kollegen Ernst Troeltsch und Max Weber zu einer Analyse des Calvinismus an als einem bedeutsamen Faktor zur Entwicklung des Kapitalismus und zur Rationalisierung der Lebensführung. Jellinek plante sogar, mit Weber ein politikwissenschaftliches Institut zu gründen, doch der frühe Tod von Jellinek (1911) kam dem Abschluß seiner Bemühungen zuvor (Kempter 1998, 323f.). Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Vordenker war auch ihre Vorliebe für die Bildung von begrifflichen Typologien.

Jellinek ist der Schöpfer der berühmt gewordenen Formel von der „normativen Kraft des Faktischen“, das wegen seiner mehrdeutigen Formulierung in der Regel auf das Recht des Stärkeren reduziert und daher mißverstanden wird. Zunächst ist damit nur gemeint, daß politische („faktische“) Macht immer auch eine normative Kraft entwickelt (Sattler 2000, 356). Gleich nahezu allen Vertretern des gebildeten Judentums im 19. Jahrhundert gehörte auch Jellineks Verehrung den Werken und Versen von Goethe als ideale Repräsentation von Humanität und Vernunft. Aber die Hoffnung auf eine friedliche Assimilation als deutscher Kulturbürger trog. Eine jahrelange Verschleppung seiner Ernennung zum Ordinarius in Wien durch katholisch-antisemitische Kreise erschütterte sein optimistisches Lebensgefühl. Der Glücksfall einer liberalen Regierung in Baden und eines freigewordenen Lehrstuhls verhalf ihm ab 1891 zu zwanzig Jahren intensiver und sehr geschätzter Forschung und Lehre im „Weltdorf Heidelberg“ (Camilla Jellinek). Viele ausländische Studenten wurden von seinen Vorlesungen und Seminaren angezogen. Nach 1900 setzte schließlich auch die soziale Anerkennung ein und wurde mit dem Prorektorat der Universität Heidelberg sowie der Wahl zum Vorsitzenden der deutschen Rektorenkonferenz gekrönt. Jellinek war ein „auf Ausgleich bedachter, harmoniebedürftiger“ Mensch, hatte ein großes Talent zur Freundschaft und Geselligkeit und konnte in Gesprächen mit Esprit, Witz und Ironie erfreuen. Kurz vor seinem Tode konvertierte er mit seiner Frau im März 1910 zur evangelisch-lutherischen Kirche, „um mit seiner Familie beerdigt werden zu können.“ (Kempter 1998, 380) Sein Grab auf dem Bergfriedhof trägt keine religiösen Symbole.

Grabstelle: Litera D 309


Grabanlage Jellinek, Litera D 309

Literatur

Klaus Kempter: Die Jellineks 1820 – 1955. Eine familienbiographische Studie zum deutschjüdischen Bildungsbürgertum. Droste, Düsseldorf 1998, ISBN 978-3-7700-1606-8.

Stanley L. Paulson und Martin Schulte (Hrsg.): Georg Jellinek. Beiträge zu Leben und Werk. Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-147377-9.

Martin Sattler: Georg Jellinek als Positivist? Überlegungen zur wissenschaftstheoretischen Einordnung seines Denkens. In: Stanley L. Paulson und Martin Schulte (Hrsg.): Georg Jellinek. Beiträge zu Leben und Werk. Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-147377-9, S. 345- 358.