Max Weber

Max Weber
Max Weber, 1919

Max Weber (21. April 1864 in Erfurt – 14. Juni 1920 in München) war ein deutscher Soziologe, Jurist und Nationalökonom. Weber wird neben Ferdinand Tönnies und Georg Simmel zu den drei Gründervätern der deutschen Soziologie gezählt. Er gilt als Begründer der Herrschaftssoziologie und neben Émile Durkheim als Mitbegründer der Religionssoziologie. Neben Karl Marx und Simmel wird er zu den bedeutenden Klassikern der Wirtschaftssoziologie gerechnet. Weber wurde nach dem 2. Weltkrieg zu einem Klassiker der Soziologie sowie der Kultur- und Sozialwissenschaften.


Leben

Max Weber entstammte einer Familie mit wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Mitgliedern und Verwandten und gehörte damit der Oberschicht des wilhelminischen Kaiserreichs an. Sein Vater Max Weber senior war Stadtrat und später Dezernent für das Berliner Bauwesen sowie als nationalliberaler Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag in verschiedenen Kommissionen tätig. In seinem Berliner Domizil fanden häufig Treffen mit Politikern und Wissenschaftlern statt. Mit zwei Jahren erkrankte Max Weber junior an einer Gehirnhautentzündung, die ihn mehrere Jahre lang beeinträchtigte.


Max und Marianne Weber, 1894
Max und Marianne Weber, 1894

Ab 1882 studierte er in Heidelberg Jurisprudenz und Nationalökonomie, zwei Jahre später setzte er in Berlin sein Studium fort. 1889 wurde er in Jura promoviert und 1892 habilitiert. Dank der väterlichen Beziehungen erhielt er 1888 den Auftrag, bei der reichsweiten Erhebung über Landarbeiter die Daten und Angaben in den ostelbischen Gebieten auszuwerten („Landarbeiter-Enquete“). 1893 erfolgte seine Vermählung mit Marianne Schnitger, einer Nichte zweiten Grades und Tochter eines Textilfabrikanten im westfälischen Oerlinghausen. Es war eine „Kameradschaftsehe“, die später zu einem Ideal der Frauenbewegung wurde, weil sie keine typische Frauenrolle erforderte. (Radkau 2005, 84) 1894 erhielt er einen Ruf auf eine ordentliche Professur für Nationalökonomie in Freiburg. In der Antrittsrede sorgten sein alldeutscher Nationalismus und seine Angriffe auf die ostelbischen Junker für großes Aufsehen. 1897 wechselte er nach Heidelberg. Ein Jahr später litt er an zunehmenden psychosomatischen Ausfällen (Sprech- und Bewegungsstörungen). (Radkau 2005, 261) 1898 brach er wegen einer Sprechhemmung seine Lehrveranstaltungen ab und ließ sich beurlauben. Hinzu kamen tagelange Migräneanfälle, permanente Schlafstörungen und ein chronischer Erschöpfungszustand („Burnout-Syndrom“ nach Meurer 2010, 122). Bromhaltige Schlafmittel führten zu einer schleichenden Vergiftung und belasteten ihn zusätzlich. Allerdings hatte man in der Heidelberger Gelehrtenwelt viel Verständnis für seine Verfassung, da viele seiner Kollegen unter ähnlichen Krankheiten litten. 1903 wurde er auf sein Betreiben aus dem Universitätsdienst entlassen. Erst 1918 fühlte er sich in der Lage, die reguläre Universitätsarbeit wieder aufzunehmen.

Während seine Sanatoriumsaufenthalte erfolglos blieben, trugen seine Reisen in den Süden mehr zu seiner Stimmungsaufhellung und Vitalität bei. 1904/05 veröffentlichte er seinen Aufsatz über die Protestantische Ethik und den ›Geist‹ des Kapitalismus, der ihn später weltbekannt machen wird. 1904 absolvierte er anläßlich der Weltausstellung in St. Louis eine mehrmonatige Rundreise in den USA. Wegen der russischen Revolution 1905 erlernte er in nur drei Monaten Russisch, um aus erster Hand das Geschehen verfolgen zu können. 1907 veröffentlichte nach sieben Jahren Arbeit seine Frau Marianne ihr rechtshistorisches Grundlagenwerk »Ehefrau und Mutter in der Rechtsgeschichte«, bei dem ihr Max Weber unter anderem mit Literaturempfehlungen geholfen hatte. Eine Erbschaft von Mariannes Vater in Höhe von 350.000 Reichsmark ermöglichte dem Ehepaar eine finanzielle Unabhängigkeit. Außerdem begannen sie, junge Wissenschaftler zu einem wöchentlichen Gedankenaustausch einzuladen, den sogenannten »jours fixes«.

Im Herbst 1909 begann Max Weber eine Beziehung mit Else Jaffé (geb. von Richthofen), die er selbst im Jahr 1900 als eine der ersten deutschen Frauen promoviert hatte. Im Januar 1910 trennten sie sich, da Else Jaffé mit Webers Bruder Alfred ein Verhältnis eingegangen war. Im Sommer 1912 verliebte sich Max Weber in die Schweizer Pianistin Mina Tobler, die ihn zu einer grundlegenden Untersuchung zur Rationalisierung in der Musik anregte. Webers Arbeitsproduktivität erreichte wieder ihre frühere außergewöhnliche Intensität, er schrieb religionssoziologische Studien sowie die Manuskriptsammlung, die später als »Wirtschaft und Gesellschaft« herausgegeben wurde und oft als Webers wichtigstes Werk gilt.



Werk

Max Weber auf der Lauensteiner Tagung 1917
Max Weber auf der Lauensteiner Tagung 1917

Bis heute geht von Webers Werk eine in aller Welt anhaltende Faszination aus, die sich in einer stetig anwachsenden Literatur von Interpretationen niederschlägt, der „Weber-Philologie“. Das ist insofern erstaunlich, weil Freunde wie Kritiker Webers Schrifttum als „unvollendet, unübersichtlich und schwer lesbar“ halten. (Schöllgen 1998, 170) Weber äußerte einmal dazu: „Ich pfeife auf den Stil; ich spucke meine Gedanken aus.“ (Radkau 2005, 187) Die Einzigartigkeit Webers wird daher von Radkau nicht in dessen Schreibstil, sondern in dessen Denkstil gesehen. Zu jedem Thema schöpft Weber nicht nur aus einem überreichen Fundus an Detailwissen, sondern er überspringt dabei mühelos Epochen und Kontinente und verbindet gekonnt Theorie mit Empirie über viele Spezialdisziplinen hinweg. (Radkau 2005, 191; 855)

Weber war ein enzyklopädischer Geist, der zu seinem und unserem Unglück seine Ansichten nicht mehr zu einer Systematik ausbauen konnte. Um diesen Torso zu ergänzen, mühen sich nun seine Interpreten bis heute. Hinzu kommt eine Überfülle der Gedanken, wenn „er mehr zu sagen hatte, als er eigentlich ausdrücken konnte.“ (Löwenstein 1966, 32; zitiert nach Schöllgen 1998, 167) Trotz seines hochkonzentrierten und manchmal schwer verständlichen Schreibstils liegt seinen Ausführungen immer eine bestimmte Systematik zugrunde, da Weber seine Gegenstände und Begriffe stets dualistisch und historisch zugleich betrachtete und verwendete. („Einheit in der Antinomie“; Radkau 2005, 401) Dies allein würde Weber eher nur für Schematiker und Kästchendenker interessant machen, doch Weber fasziniert auch damit, daß er neben dieser kategorialen Systematik mehr in Chancen als in Strukturen denkt. (Radkau 2005, 694) Gesellschaft ist für Weber nicht als System zu sehen, sondern vor allem in „Handlungschancen“ zu denken. (Radkau 2005, 784) Die Zwänge, die von sozialen Strukturen ausgehen, werden bei Weber durch Chancen gemildert, da sie Freiräume offenlassen. (Radkau 2005, 835) Auch dies ist ein Grund, warum Weber gegen die Idee einer planmäßig voranschreitenden sozialen Entwicklung war. Demgegenüber steht die berühmte Prognose Webers, dass der Kapitalismus sich voraussichtlich zu einem „eisernen Gehäuse“ der Bürokratie entwickeln wird.

Zu Webers Leitthema entwickelte sich die Rationalisierung. Darunter verstand Weber zunächst ein methodisches Streben nach regelhafter Ordnung, das schon die sozialen Grundformen prägt. Rationalisierung ist hier nicht mit Rationalität im Sinne von Vernunft zu verwechseln und sie ist auch von vieldeutiger Natur. In seinem Aufsatz über die Protestantische Ethik und den ›Geist‹ des Kapitalismus von 1904 machte er auf die Bedeutung der methodischen „Lebensführung“ bei den calvinistischen Puritanern aufmerksam. Deren Askese und Prädestinationsglauben war für Weber zwar ein wichtiger, wenn auch nicht ein alleiniger Grund zur Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Nach Weber bedeutete der Begriff der „innerweltlichen Askese“ ein autonom bestimmtes Leben ganz für den Beruf. Im Gegensatz zur bisherigen bedarfsorientierten Lebensführung waren nun ein straff disziplinierter Tagesablauf und eine strenge Zeitökonomie erforderlich. Eine sexuelle Askese war dagegen nach Weber nur von untergeordneter Bedeutung.

1915 erweiterte er in seiner Aufsatzsammlung zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen das Konzept der Rationalisierung von singulären unverbundenen Vorgängen in eine universalhistorische Perspektive. Damit ist diese Erklärung auch eine Absage an einen Technizismus, der den Kapitalismus von der technisch-industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts verursacht sieht. Als Weber entdeckte, daß die Magie im antiken Judentum durch rationale israelitische Prophetie überwunden wurde und dies auch dort den Gläubigen zu einer rationalisierten Lebensführung verhalf, hatte er die Idee eines überzeitlichen und universalen Zusammenhangs der Rationalisierung. Tatsächlich konnte Weber dann in allen Weltreligionen diese Rationalisierung der Lebensführung nachweisen.

Die Rationalisierungsidee durchzieht die webersche Wirtschafts-, Herrschafts- und Religionssoziologie. Die mächtigste Kraft der Religion besteht für Weber in der Sehnsucht nach „Erlösung“ vom irdischen Leiden, weil dadurch geistige mit naturhaften Bedürfnissen in eins finden. (Radkau 2005, 542) Das ist eine Abgrenzung gegenüber der bekannten marxistischen These von der Religion als dem Überbau materieller Interessen. Eine neue und prominente Deutung erfuhr durch Weber der Begriff des Charismas als eine außeralltägliche Macht einer Führerpersönlichkeit. Die charismatische Herrschaft ist die zentrale Verbindung in seiner Religions- und Herrschaftssoziologie und erfährt heute einen nahezu alltäglichen Gebrauch bei entsprechenden sozialen Phänomenen. Charisma wurde zu „Webers erfolgreichster Begriffsschöpfung“ (Radkau 2005, 496) und ist auch auf ihn als „Mythos von Heidelberg“ angewandt worden.


Grabanlage Weber, Litera E 408 Grabanlage Weber, Litera E 408 Grabanlage Weber, Litera E 408

Literatur

Dirk Käsler: Max Weber. Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung. Campus, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-593-35072-6

Bärbel Meurer: Marianne Weber. Leben und Werk. Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-16-150452-5.

Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20675-2

Gregor Schöllgen: Max Weber. Beck, München 1998, ISBN 3-406-41944-5