Eberhard Gothein

Eberhard Gothein
Eberhard Gothein, 1907

Eberhard Gothein (29. Oktober 1853 in Neumarkt – 13. November 1923 in Berlin) war ein deutscher Kultur- und Wirtschaftshistoriker.

Seine Familie entstammte einem bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Milieu. Der Vater Hugo Gottheiner war Arzt in Neumarkt bei Breslau und trat vom jüdischen zum protestantischen Glauben über. (Maurer 2007, 19) Dabei verkürzte er seinen Namen zu Gothein, der an Goethe erinnert und mit dessen Werken sich Eberhard Gothein sein Leben lang beschäftigte. Er studierte an den Universitäten Breslau und Heidelberg Geschichte und Kunstgeschichte. 1877 wurde er promoviert und 1878 an der Universität Breslau habilitiert. 1904 konnte er die Nachfolge von Max Webers Lehrstuhl für Nationalökonomie an der Universität Heidelberg antreten.

Mit großem Fleiß erwarb er sich ein enzyklopädisches Wissen und konnte stundenlang Gedichte aus dem Gedächtnis wiedergeben. Gotheins Persönlichkeit wird als bescheiden, gütig und als ein „eher ausgleichendes Wesen“ beschrieben. (Cser 2006, 69) Sein Schreibstil war „gemächlich“, „mäandernd“ und sehr detailliert. Wie nahezu alle Professoren (mit Ausnahme etwa von Max Weber) verteidigte auch er die deutsche Monarchie gegenüber den Reformvorschlägen für eine parlamentarische Demokratie und hielt bis zuletzt daran fest. Gothein war ein sehr fleißiger Erforscher der Wirtschaftsgeschichte im In- und Ausland. Für seine umfangreiche Studie „Kulturentwicklung in Süditalien“ (1886) bereitete er sich besonders gründlich vor: „Wochenlang streifte er durch das Gebirge, sprach mit Bauern und Förstern und stöberte in ungeordneten Dorfarchiven.“ (Cser 2006, 60) Große Anerkennung erlangte er durch seine tief ins Detail gehende Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes (1892).

Den deutschen Kulturprotestantismus sah er als eine dem Katholizismus überlegene Produktivkraft an. In den 1880er-Jahren, nach dem Höhepunkt des bismarckschen Kulturkampfs, setzte er sich in drei Studien mit der jesuitischen Politik- und Geistesgeschichte intensiv und ohne Polemik auseinander.

Gothein griff auch in die große geschichtswissenschaftliche Debatte um die Jahrhundertwende ein, in der es um die Methoden und letztlich um die Bedeutung von Kulturgeschichte in den Geschichtswissenschaften ging. Die Befürworter der Kulturgeschichte unterlagen, so daß bis vor wenigen Jahren die Untersuchung von kulturgeschichtlichen Aspekten vom Kanon der deutschen Geschichtsschreibung ausgeschlossen blieb. Mehr Erfolg war ihm beschieden bei der Gründung von zwei Handelshochschulen in Köln (1901) und in Mannheim (1907), letztere trägt heute seinen Namen.

Gotheins Frau Marie Luise führte in Heidelberg-Neuenheim, Weberstraße 10, einen literarischen Salon, an dem er sich gern mit vermittelnden und zusammenfassenden Beiträgen beteiligte. Sein Sohn Werner, der als freier Künstler in München tätig war, schuf das Familiengrabmal auf dem Bergfriedhof.

Grabstelle: Litera V neu 76


Grabanlage Gothein, Litera V 76 Grabanlage Gothein, Litera V 76

Literatur
Arnold Bergsträßer: Gothein, Eberhard. In: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 654-656, Online-Datei.
Andreas Cser: Eberhard Gothein (1853-1923). Max Webers Nachfolger auf dem Heidelberger Lehrstuhl. Aspekte seiner Wissenschaftsbiographie. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 11, 2006/07, S. 57-82.
Michael Maurer: Eberhard Gothein (1853 – 1923). Leben und Werk zwischen Kulturgeschichte und Nationalökonomie. Böhlau, Köln 2007, ISBN 3-412-22606-8.