Friedrich Gundolf

Friedrich Gundolf
Friedrich Gundolf, vor 1916

Friedrich Gundolf, gebürtig Friedrich Gundelfinger, (20. Juni 1880 in Darmstadt – 12. Juli 1931 in Heidelberg) war ein Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg.

Leben
Sein jüdischer Vater Sigmund Gundelfinger wurde 1879 als Ordinarius für Mathematik an die Technische Hochschule Darmstadt berufen; seine Mutter Amalie, geb. Gunz, war die Tochter eines Großhändlers aus Augsburg.

1899 lernte der damalige Erstsemester Friedrich Gundelfinger den rund dreißigjährigen Dichter Stefan George kennen und blieb zwanzig Jahre lang sein engster Vertrauter. George war es, der ihn 1899 schon am ersten Tag Gundolf nannte (Karlauf 2007, 273), was er 1927 auch offiziell übernahm. (Groppe 1997, 291) Der „Meister“ (George) strebte zeitlebens danach, einen wachsenden Kreis von jüngeren Gleichgesinnten um sich zu scharen, die sich ihm ergeben unterordneten und seine literarischen Idole und elitären Ideale verinnerlichten. „Dichten heißt herrschen“, war sein Credo.1 George hatte mit dem sehr gut aussehenden Gundolf eine mehrere Jahre andauernde Liebesbeziehung, die auch eine Kampf- und Arbeitsgemeinschaft war. (Karlauf 2007, 284) 1907 übersetzten sie gemeinsam Sonette und Theaterstücke von Shakespeare, ein Höhepunkt in ihrer Beziehung, wobei jedoch die gundolfschen Übersetzungen der shakespeareschen Sonette meist von George verbessert wurden. (Karlauf 2007, 373f.)

Ab April 1910 schrieb Gundolf in Heidelberg in nur zwei Monaten eine 500 Seiten umfassende Habilitationsschrift über Shakespeare und der deutsche Geist. George gegenüber versicherte er, daß seine Habilitation und seine kommende Universitätslaufbahn „in erster Linie“ dazu dienen, „die Botschaft Georges zu verbreiten.“ (Karlauf 2007, 449) Das Werk war auch eine Reaktion auf einen Machtkampf im George-Kreis. Sein Rivale Friedrich Wolters versuchte, einen Personenkult mit bedingungsloser Unterordnung zu George durchzusetzen. Gundolf dagegen, dem hierarchisches Denken zuwider war, wollte die absolute Hingabe an eine Idee, was er beispielhaft und ausführlich an Shakespeares deutscher Rezeption demonstrierte.

Gundolf hatte nebenher mehrere Beziehungen zu Frauen, die George nur duldete, solange er keine Heirat plante. Daher kam es Anfang der 1920er-Jahre zum Bruch mit George, als Gundolf dazu entschlossen war, die Nationalökonomie-Studentin Elisabeth („Elli“) Salomon zu ehelichen. „Gundolf war ein treuherziger, gutgläubiger, stets auf Ausgleich bedachter Mensch, der Konfliktsituationen aus dem Weg ging und Unangenehmes von sich schob.“ (Karlauf 2007, 524) Um seine Beziehung zu George zu retten, verfasste er eine Lobeshymne auf ihn in Buchform (1920). Doch vergebens, er glaubte ihm nicht mehr. (Karlauf 2007, 521) Als sie sich Ende 1925 zufällig auf der schmalen Schlosstreppe zur Altstadt hin begegneten, erwiderte George nicht seinen Gruß und ging achtlos an ihm vorbei. Ein Jahr später erkrankte Gundolf an Krebs, wurde 1927 operiert und starb schließlich 1931 während einer Vorlesung im Alter von 51 Jahren.

Werk
In Gundolfs Literaturverständnis soll sich Literaturwissenschaft nicht nur als wertfreie oder objektive Disziplin verstehen, denn in erster Linie hat sie die Verpflichtung zu einer sinngebenden Wertorientierung und daher zur Subjektivität. Damit erklärt sich sein Pathos für „große Männer“, da diese als Vorbilder, Sinnstifter und somit Erzieher für die dafür empfängliche Allgemeinheit wirken sollen. Erziehung durch Sprachkunst, das war auch das Selbstverständnis der Georgeaner. In ihrem gemeinsamen „Erlebnis“ der literarischen Werke vollzöge sich eine Läuterung der Seele.

Der Literaturhistoriker Gundolf sieht sich als Vermittler großer Gestalten und Sprachdenkmale, er bezieht sich ausdrücklich auf sein besonders gutes Verständnis derselben und wirkt damit ebenfalls erzieherisch. In Gundolfs Verständnis bedeutet eine Gestalt die ewigen Werte, die ein großer Mensch und sein großes schöpferisches Werk erschaffen. Der Gestalt-Begriff erfuhr in den 1920er-Jahren eine weite Verbreitung unter Schriftstellern und Wissenschaftlern. (Groppe 1997, 330) Sprachdenkmale dagegen werden nach Gundolf aus sozialen und ideengeschichtlichen Zusammenhängen und Traditionen erklärt und sind daher zeitbezogene Werke einer Epoche. (Groppe 1997, 321) Diese lebensphilosophische oder auch verstehende Orientierung von Geisteswissenschaft befand sich im Widerstreit mit dem positivistischen oder empirischen Wissenschaftsverständnis und ist bis heute unter wechselnden Namen ein Dauerthema geblieben. So etwa warnte Max Weber 1917 in seinem berühmten Aufsatz Wissenschaft als Beruf vor dem Subjektivismus dieser Richtung und sah die wertfreie Wissenschaft in Gefahr. Gundolf nahm im ewigen Widerstreit von subjektivistischem und objektivistischem Wissenschaftsverständnis eine heute extreme Position ein, doch damals bediente er damit den Zeitgeist. In den 1920er-Jahren hatte er mit Abstand die meisten zahlenden Hörer in seinen Vorlesungen.


Inschrift "Dem lebendigen Geist"
Dem lebendigen Geist (Universitätsportal)

Über dem Hauptportal des Hörsaalgebäudes der Neuen Universität ist der Leitspruch Dem lebendigen Geist angebracht worden – eine Kopfzeile aus einem Hölderlin-Fragment, von Gundolf vorgeschlagen und ausgewählt aus neunzehn Vorschlägen. Im linken Treppenaufgang der Universitätsbibliothek erinnert eine kleine Metallbüste an Gundolf.



Grabstelle: Litera Wald A 160-160a


Grabanlage Gundolf, Litera Wald A 160-160a Grabanlage Gundolf, Litera Wald A 160-160a Grabanlage Gundolf, Litera Wald A 160-160a

Literatur
Carola Groppe: Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis 1890–1933. Böhlau, Köln 1997, ISBN 3-412-03397-9, Kap. VII., „Der Historiker ist Hüter der Bildung“: Friedrich Gundolf, S. 290–333; passim.

Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-7632-5886-4; Lizenzausgabe von Blessing, München 2007, ISBN 978-3-89667-151-6.

1 Das „Geheime Deutschland“, 3sat, Januar 2009.