Gustav Radbruch

Gustav Radbruch
Gustav Radbruch, vor 1921

Gustav Radbruch (21. November 1878 in Lübeck – 23. November 1949 in Heidelberg) war als Rechtswissenschaftler vor allem an der Universität Heidelberg und als Justizminister in der Weimarer Republik tätig.

Radbruch war ein außergewöhnlicher, manche sagen auch, ein großer Jurist. Gerade weil seine Liebe den Künsten und der Geschichte gehörte, konnte er von dieser Perspektive her das Wesen der Rechtsschöpfung und –findung auf eine geistig unabhängige Weise betrachten und untersuchen. Diese geistige Unabhängigkeit äußerte sich auch in seinen immer frei gehaltenen Vorlesungen im Hörsaal und bei den Reden im Reichstag als Justizminister, mit denen er seine Zuhörer wegen der Genauigkeit und Folgerichtigkeit seiner Argumentation fesseln konnte. Aus einem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden, „es nicht besser haben zu wollen als andere“ (Kaufmann 1987, 61), und von einer allgemeinen Hilfsbereitschaft her näherte er sich aus eigenem Antrieb allmählich den Sozialdemokraten politisch an.

Den größten Eindruck in seinem Studium machte auf ihn der ebenfalls unorthodoxe Strafrechtslehrer Franz von Liszt in Berlin. Liszt befürwortete nicht nur den Resozialisierungsgedanken im Strafrecht anstelle des damals herrschenden Vergeltungsprinzips, sondern argumentierte und dachte auch mehr prozessual anstatt dogmatisch. Das bedeutet ein ständiges Abwägen und Hinterfragen, was sich dann auch Radbruch in seiner Rechtsphilosophie zu eigen gemacht hatte. Radbruchs Gegner halten ihm daher einen Relativismus vor, also eine Unschlüssigkeit und Unentschiedenheit in grundsätzlichen Fragen der Rechtsphilosophie. Doch Radbruch verstand den Relativismus seiner trialistischen Rechtsphilosophie (Gerechtigkeit als Gleichheit, Zweckmäßigkeit und Rechtssicherheit) als eine Forderung für das wertfreie Denken und nicht als eine Aufforderung zur ethischen Beliebigkeit. (Kaufmann 1987, 130f.) Im praktischen Verhalten dagegen verlangte er (wie auch Max Weber) die subjektive Entscheidung für eine Wertposition. Damit überwand er die beiden großen Schulen des Positivismus und des Naturrechts, die bis heute die rechtsphilosophische Diskussion dominieren.

Während seiner kurzen Amtszeit als Minister (15 Monate) konnte er unter anderem die Zulassung von Frauen zu den Justizämtern durchsetzen, das Jugendgerichtsgesetz mit dem Prinzip der Erziehung anstelle von Vergeltung novellieren und den Vorrang der Geldstrafe vor der Freiheitsstrafe einführen.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde er am 5. Mai 1933 als erster deutscher Lehrstuhlinhaber seines Amtes enthoben. Bereits am nächsten Tage begann er mit der Niederschrift einer Biographie des deutschen Juristen Paul Johann Anselm von Feuerbach. Mit dem erzwungenen Rückzug in das Privatleben belebte er seine künstlerischen Neigungen wieder. Als seine geliebte Tochter Renate 1939 bei einem Lawinenunglück tödlich verunglückte, führte er ihre begonnene kunsthistorische Dissertation zu Ende. Ein melancholischer Essay über „Cicero – Trauer und Trost um Tullia“ folgte. Nicht genug der Trauer, auch sein Sohn Anselm starb im 2. Weltkrieg als Offizier in der Sowjetunion.

Trotz seiner angegriffenen gesundheitlichen Verfassung (Parkinson-Krankheit) kümmerte er sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Hingabe um die neuen Studenten und konnte ihnen nur noch bis 1948 sein Wissen und eine neue ethische Orientierung vermitteln. Mit der „Radbruchschen Formel“ (1946) beeinflußte er die letztinstanzliche Rechtsprechung der deutschen Gerichte nach dem 2. Weltkrieg, wann gesetzliches Recht als Unrecht zu beurteilen sei.

Radbruch lebte von 1935 an im Friesenberg 1a und wurde damit Nachbar, Freund und Diskussionspartner der Sozialpolitikerin Marie Baum. Sie schrieb auch das Nachwort zu seinen Memoiren, die er noch kurz vor Kriegsende verfaßt hatte. Seine Erinnerungen wurden später wegen seiner wohl formulierten Beschreibungen der Heidelberger Gelehrtenwelt sehr oft zitiert. Gustav Radbruch ist „an einer der schönsten Stellen des Heidelberger Bergfriedhofes“ bestattet (Baum in: Radbruch 1951, 212), nahe dessen Grab ruht nun auch Marie Baum.

Grabstelle: Litera Wald B 526


Grabanlage Radbruch, Litera Wald B 526 Grabanlage Radbruch, Litera Wald B 526 Grabanlage Radbruch, Litera Wald B 526 Grabanlage Radbruch, Litera Wald B 526

Literatur
Arthur Kaufmann: Gustav Radbruch. Rechtsdenker, Philosoph, Sozialdemokrat. Piper, München 1987, ISBN 3-492-15247-3.

Gustav Radbruch: Der innere Weg. Aufriß meines Lebens. Koehler, Stuttgart 1951.