Richard Kuhn

Richard Kuhn
Richard Kuhn

Richard Kuhn (3. Dezember 1900 in Wien – 1. August 1967 in Heidelberg) war ein österreichisch-deutscher Chemiker und Nobelpreisträger von 1938.

Kuhn war nach seiner Schwester Angelika als Sohn des Hofrates und Wasserbau-Ingenieurs Richard Kuhn und dessen Frau Angelika, einer Volksschullehrerin, geboren. Seine Mutter erteilte ihm wegen seiner hohen allgemeinen Begabung im Grundschulalter privaten Unterricht, erst danach besuchte er das Gymnasium. Einer seiner Klassenkameraden war der spätere Nobelpreisträger Wolfgang Pauli jr., mit dem der mathematisch talentierte Kuhn Probleme der höheren Mathematik besprach und löste. (Oberkofler / Goller 1992, 10) An der TU München wurde Kuhn von dem führenden Professor in der organischen Chemie und Nobelpreisträger Hans Willstätter entdeckt und außergewöhnlich gefördert. Bereits mit 26 Jahren wurde Kuhn unter 32 Bewerbern als Ordinarius an die ETH Zürich berufen. Seinen unglaublich schnellen und steilen Aufstieg krönte er am 6. Mai 1928 mit dem Vertrag als einer der vier Direktoren am Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg, das von Ludolf von Krehl begründet worden war.

Zu Beginn seiner akademischen Laufbahn war Kuhn noch gleichermaßen in organischer, anorganischer und physikalischer Chemie bewandert. Doch schon bald konzentrierte er sich auf die Naturstoffchemie und im Besonderen auf „die systematische Erforschung der Zusammenhänge von Konstitution und Farbe ungesättigter Kohlenstoffverbindungen“. (Jaenicke 2006, 510) Die Carotinoide, deren Farbspektrum von hellgelb bis tiefrot reicht, waren lange Zeit sein Lieblingsobjekt. Später interessierten ihn auch bei den wasserlöslichen Vitaminen zunächst die farbigen, wie etwa das gelbe Vitamin B2 (Lacto-/Riboflavin). In den 1940er-Jahren beschäftigte er sich zunehmend mit Antiwirkstoffen (Antivitamine, Antimetabolika, spezifische Enzymblocker). Diese Richtung verfolgte er bis hin zur Synthese von Hemmstoffen der neuronalen Synapsen als Super-Nervengiftstoffe (Soman). Seit den 2000er-Jahren überschattet diese Kriegsforschung die gesamte Wahrnehmung von Kuhns Leben und Werk, so daß es uns heute völlig unverständlich bleiben muß, wieso ihm seit 1930 nahezu jährlich bedeutende Ehrungen für seine chemische Forschung verliehen wurden. (Quadbeck 1985, 63f.) Zwar konnte Kuhn mit dem IG-Farben-Direktor Otto Ambros den Gasschutzbeauftragten Karl Brandt davon überzeugen, auf einen Einsatz von Soman zu verzichten. (Deichmann 2005, 5) Doch dagegen stehen seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Emigrantenschicksal seines jüdischen Förderers Willstätter und eine Denunziation gegen seinen jüdischen Direktorenkollegen Otto Meyerhof. In besseren und glücklicheren Zeiten wäre er wahrscheinlich nicht mit dieser moralischen Schwäche aufgefallen und unser Bild von Kuhn wäre ein ganz anderes geworden. Denn er war auch ein Mensch mit vielen Stärken.

Kuhn war eigentlich „ein lebensfroher Mensch, der gern herzhaft lachte.“ (Quadbeck 1985, 70) Er hatte schon früh ein überzeugendes Auftreten, das er oft mit einer leutseligen bis zu einer charmanten Umgangsweise verbinden konnte. Von seinen Kollegen und Studenten wurde er für sein hervorragendes Gedächtnis bewundert, seine und andere wichtige Publikationen konnte er mit allen bibliographischen Details aus der Erinnerung her abrufen. Für eine wohlformulierte Rede genügte ihm ein Zettel mit Stichworten. Wegen seines ungewöhnlichen experimentellen Geschicks löste er auch mit unkonventionellen Methoden chemische Probleme. Sein räumliches Sehen und Erkennen von Mustern bei chemischen Verbindungen führte zu vielen Forschungsinnovationen. Oft sah man ihn in Gesellschaft und während des Autofahrens in Gedanken an die Chemie versunken. Kuhns Schüler Quadbeck (1985, 72) meint über ihn: „Es war für ihn charakteristisch, daß in Allem, was er in der Wissenschaft oder in der Freizeit unternahm, er Qualität anstrebte und auch erreichte.“ Als weitere Beispiele nennt er Simultan-Schach, Tennis und Billard, doch Ethik zählte leider nicht dazu.

Grabstelle: Litera Wald 492-493


Grabanlage Kuhn, Litera Wald B 492-493 Grabanlage Kuhn, Litera Wald B 492-493 Grabanlage Kuhn, Litera Wald B 492-493

Literatur
Ute Deichmann: Richard Kuhn, 1900-1967, online-Datei bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (GDCh).

Lothar Jaenicke: Richard Kuhn, 3. Dezember 1900 (Wien) – 1. August 1967 (Heidelberg). In: Nachrichten aus der Chemie, Jg. 54, 5, 2006, Frankfurt am Main.

Gerhard Oberkofler und Peter Goller: Richard Kuhn (1900 – 1967). Skizzen zur Karriere eines österreichischen Nobelpreisträgers. Wagner, Innsbruck 1992.

Günther Quadbeck: Richard Kuhn. 1900-1967. In: Semper apertus. 600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386 – 1986. Festschrift in sechs Bänden. Band 3: Das zwanzigste Jahrhundert: 1918 – 1985. Hrsg. von Wilhelm Doerr, Springer, Berlin 1985, ISBN 3-540-15425-6, S. 55-72.