Marie Baum

Marie Baum, 1920
Marie Baum, 1920

Marie Baum (23. März 1874 in Danzig – 8. August 1964 in Heidelberg) war eine promovierte Chemikerin, die sich schon früh für die soziale Arbeit entschied und diese immer in leitenden oder lehrenden Funktionen von unterschiedlichen Bereichen ausübte.

Marie Baum war die Tochter des Chirurgen Wilhelm Baum, der neben der Leitung des städtischen Krankenhauses in Danzig auch eine eigene Praxis führte. Der Vater setzte sich sehr für seine Patienten ein und litt mit ihnen mit, so dass er seelisch und körperlich verausgabt schon mit sechzig Jahren starb. Ihre Mutter Flora, geb. Lejeune Dirichlet, war die Tochter des Mathematikers Gustav Lejeune Dirichlet, der als Nachfolger von Gauß in Göttingen lehrte. Ihre Großmutter Rebecka wiederum war eine Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Von ihrer Mutter hatte Marie Baum eine Liebe zur Mathematik übernommen. „Dabei fesselte“ sie „das überall durchschimmernde Rätsel der Zahl und [asymptotischen] Linie.“ (Baum 1950, 37) Dank der umsichtigen Förderung ihrer Mutter konnte sie sich in Danzig auf das Abitur vorbereiten, das sie schließlich in Zürich absolvierte. Das Deutsche Reich hinkte bei der Zulassung von Frauen zum Studium den anderen Industriestaaten hinterher, so dass Baum in der Schweiz studieren musste. In Zürich schloss sie eine lebenslang anhaltende Freundschaft mit der Dichterin Ricarda Huch, mit der sie später auch von Oktober 1932 bis September 1934 in Heidelberg zusammenlebte. Nach Huchs Tod wahrte sie ihr Andenken, sie veröffentlichte 1951 die erste Biographie zu Huch („Leuchtende Spur“) und gab 1955 einen Briefband von ihr heraus.

Nach ihrer Studien-, Promotions- und Assistentenzeit an der ETH Zürich konnte sie im Oktober 1899 eine Stellung in der Patentabteilung der AGFA-Werke in Berlin-Treptow antreten. Da sie diese Tätigkeit als sehr unbefriedigend erlebte, nahm sie auf Vermittlung der Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin Alice Salomon ab Oktober 1902 das Amt einer Fabrikinspektorin im Großherzogtum Baden an in der Nachfolge von Else Jaffé-von Richthofen. Ab Juli 1904 wurde sie ihren männlichen Kollegen rechtlich gleichgestellt und badische Beamtin auf Lebenszeit. Nachdem ihr ein neuer Vorgesetzter immer mehr ihre Kompetenzen beschnitten hatte, reichte sie trotz des Beistands von Max Weber 1907 ihren Rücktritt ein. Im Oktober 1907 konnte sie in Düsseldorf eine neue Stellung als Geschäftsführerin des Vereins für Säuglingsfürsorge beginnen (und bis Juni 1916 ausüben), doch zuvor wollte sie wieder ihren Horizont durch universitäre Studien erweitern. Im Sommersemester besuchte sie die Vorlesungen der neukantianischen Philosophen Wilhelm Windelband und Emil Lask, vom Theologen Ernst Troeltsch und des Nationalökonomen Eberhard Gothein. Durch diese Angehörige des Weber-Kreises lernte sie auch das Ehepaar Weber kennen. Marianne Weber zählte Marie Baum zu den vier Frauen, die sie am meisten schätzte.

Von 1917 bis Sommer 1919 leitete sie gemeinsam mit Gertrud Bäumer die Soziale Frauenschule in Hamburg und das Sozialpädagogische Institut in Hamburg, wo sie auch unterrichtete. Ein parlamentarisches Mandat für die DDP ab 1919 in der Nationalversammlung und im Reichstag beendete sie 1921 aus Unzufriedenheit über die ausbleibenden Erfolge. Im Oktober 1919 ging Baum ein weiteres Mal in den badischen Staatsdienst, nun als Referentin für Wohlfahrtspflege, doch auch diesmal sollte sich eine Beschränkung ihrer Kompetenzen durch einen neuen Vorgesetzten wiederholen, was schließlich im Juni 1926 zu ihrem Rücktritt führte.

Ab April 1928 erhielt Baum einen Lehrauftrag an Alfred Webers Institut für Sozial- und Staatswissenschaften (InSoSta) in Heidelberg. Zugleich bezog sie in dessen Nähe und bis zu ihrem Lebensende ihren Wohnsitz am Friesenberg 1, einem ehemaligen Karmeliterinnenkloster unterhalb des Schlosses. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde ihr der Lehrauftrag wegen ihrer jüdisch getauften Großmutter Rebecka Mendelssohn Bartholdy entzogen. In dieser Zeit half sie dem Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Heidelberg, Hermann Maas, bei der Ausreise von jüdischen Bürgern. Nach Kriegsende setzte sie ihren Lehrauftrag am InSoSta noch bis 1952 fort. Die 1940 aus ideologischen Gründen geschlossene Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen unterstützte sie maßgeblich bei ihrer Neugründung im Herbst 1945. Eine hauswirtschaftliche Berufsschule, die sich nahe der Elisabeth-von-Thadden-Schule befindet, wurde nach ihr benannt.

Marie Baum wird als eine liebenswürdige, mitfühlende und kommunikative Persönlichkeit beschrieben, die ganz in der Hilfe und Fürsorge für notleidende Menschen aufging. Sie hatte einen großen Freundeskreis und verstand es, umsichtig und gewinnend in großen sozialen Zusammenhängen zu wirken.


Grabstelle: Litera Wald B480


Grabanlage Baum, Litera Wald B 480 Grabanlage Baum, Litera Wald B 480 Grabanlage Baum, Litera Wald B 480

Literatur

Marie Baum: Rückblick auf mein Leben. Kerle, Heidelberg 1950.

Werner Moritz (Hrsg.): Marie Baum. Ein Leben in sozialer Verantwortung. Bearbeitet von Petra Schaffrodt. Katalog zur Ausstellung im Universitätsmuseum Heidelberg, 19. Oktober 2000 – 20. Januar 2001. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2000, ISBN 3-89735-153-6.

Heide-Marie Lauterer: Marie Baum und der Heidelberger Freundeskreis. In: Bärbel Meurer (Hrsg.), Marianne Weber, Beiträge zu Werk und Person, Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148162-3, S. 91-110.