Marie Luise Gothein

Marie Luise Gothein (12. September 1863 in Passenheim – 24. Dezember 1931 in Heidelberg) war eine autodidaktisch gebildete Anglistin und Historikerin der Gartenbaukunst.

Sie war die älteste Tochter von vier Kindern einer ostpreußischen Beamtenfamilie, ihr Vater war als Amtsrichter tätig. Noch als Schülerin einer privaten Mädchenschule von Breslau lernte sie ihren späteren Ehemann Eberhard Gothein kennen, der dort nach seiner Promotion zur Finanzierung seines Lebensunterhalts als Aushilfslehrer arbeitete. Gothein hielt sie für seine „beste Schülerin“ und verliebte sich in das „blonde Mädel […], das während der Stunden so mäuschenstill zuhören konnte“. (Gothein zitiert nach Göttler 1994, 47) Erst nachdem Gothein als Professor für Nationalökonomie an die TU Karlsruhe berufen wurde, heirateten sie 1885. Unter Anleitung der damals gebildetsten Köpfe, allen voran ihr Ehemann, eignete sie sich selbständig eine umfangreiche Bildung an. Ihre Einwilligung zur Ehe gab sie nur unter der Voraussetzung, mindestens alle zwei Jahre nach England fahren zu dürfen, um dort sechs bis acht Wochen lang Studien in der British Library durchführen zu können. Das bedeutendste Resultat dieser Arbeiten war eine Entwicklungsgeschichte der internationalen Gartenbaukulturen, das zu einem Pionier- und Standardwerk der Gartenkunst geworden ist („Geschichte der Gartenkunst“, 1914). Die Entwicklung der Gartengestaltung vergleicht sie mit einer Entzifferung eines alten Textes, der durch neuere Überschreibungen sein Aussehen ständig verändert habe und wieder lesbar gemacht werden müsse. Landschaftsgärtnerei ist nach ihrem Verständnis und Darstellung ein Teil der Kultur- und Sozialgeschichte.

Gothein wurde Mutter von vier Söhnen, trieb Sport und führte sowohl in Bonn als auch später in Heidelberg-Neuenheim, Weberstraße 10, einen literarischen Salon, einen Gesprächskreis literarisch interessierter Akademiker. Sie wurde auch als Übersetzerin bedeutender englischer Autoren bekannt, darunter Elisabeth Barrett Browning, Rabindranath Tagore und John Keats. Ihren jüngsten Sohn Percy (1896-19) nannte sie nach dem romantischen Lyriker Percy Byssche Shelley. 1910 entstand bei einem der Besuche des Dichters Stefan George bei den Gotheins eine Sympathie für den hübschen Knaben Percy. George nahm ihn als „Jünger“ in seinen Kreis auf. Über den Germanisten Friedrich Gundolf, den sie durch Else Jaffé kennengelernt hatte und den Eberhard Gothein bei seiner Habilitation unterstützte, festigte sich die Verbindung zum George-Kreis. Das Verhältnis zum Weber-Kreis, insbesondere zu Marianne Weber, war dagegen mehr von Rivalität geprägt. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Ehemanns unternahm sie 1925 eine zwei Jahre währende Ostasienreise nach Java, Bali, China und Japan. Nach ihrer Rückkehr bezog sie in Heidelberg ein Domizil im Bauhaus-Stil.

Grabstelle: Litera V neu 76


Grabanlage Gothein, Litera V 76 Grabanlage Gothein, Litera V 76

Literatur
Christine Göttler: Marie Luise Gothein (1863–1931). „Weibliche Provinzen“ der Kultur. In: Barbara Hahn (Hrsg.), Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt. Beck, München 1994, ISBN 3-406-37433-6, S. 44 – 62.

Michael Maurer: Eberhard Gothein (1853 – 1923). Leben und Werk zwischen Kulturgeschichte und Nationalökonomie. Köln, Böhlau 2007, ISBN 3-412-22606-8.