Camilla Jellinek

Camilla Jellinek (geborene Wertheim; 24. September 1860 in Wien – 5. Oktober 1940 in Heidelberg) war eine österreichische Frauenrechtlerin.

Sie erlebte eine glückliche Kindheit, war glücklich verheiratet und erfuhr in ihrer zweiten Lebenshälfte die Erfüllung und Bereicherung einer vielfältig helfenden Tätigkeit für Frauen. Um so schwerer belasteten sie ihre letzten Jahre, weil sie wegen des NS-Regimes zur Aufgabe und zum Verzicht ihres Engagements gezwungen wurde. Nach Marianne Weber (1926) und Marie Luise Gothein (1931) verfasste sie ebenfalls ein „Lebensbild“ über ihren berühmten Professorengatten (1970). Alle drei Ehepaare haben zudem gemeinsam, daß erst wieder um die Jahrtausendwende neue Biographien über sie geschrieben wurden.

Camilla Jellinek war die älteste Tochter des Wiener Arztes und Professors für Dermatologie, Gustav Wertheimer und dessen katholischer Frau Wilhelmine, geb. Walcher. Wertheimer konvertierte vor der Heirat vom Judentum zur katholischen Kirche, da die österreichischen Ehegesetze eine interkonfessionelle Ehe untersagten. Die Familie Wertheimer hatte Freude an den schönen Künsten und der Vater verbrachte zudem ganze Nächte am Laboratoriumstisch. Camilla Wertheimer erhielt von Hauslehrern Unterricht in klassischer und französischer Sprache, Literatur, Geschichte sowie Klavier und ging wie ihre Mutter gern ins Theater, vorzugsweise in das Burgtheater und in die Hofoper. Bei einem heimischen Leseabend lernte sie ihren späteren Ehemann Georg Jellinek kennen, den Sohn eines bekannten Rabbiners, der sie mit seinem Witz und seiner großen Bildung sofort beeindrucken konnte.

Nach Jellineks Berufung zum außerordentlichen Professor für Staatsrecht an die Universität Wien, konnte das Paar 1883 heiraten. Dazu mußte jedoch Camilla Wertheimer wie schon ihr Vater die Religionszugehörigkeit ändern und trat daher wieder aus der katholischen Kirche aus. In den nächsten Jahren brachte sie sechs Kinder zur Welt, von denen zwei Kinder schon früh verstarben. Nach den langen Querelen um die Berufungsblockade ihres Mannes in Wien und einer Zwischenstation im konservativen Basel konnte die Familie im liberalen Heidelberg wieder neue Lebensfreude gewinnen. Einladungen zu den prachtvollen Nachmittagsdiners der alten Heidelberger Professoren („Heidelberger Geheimratsgeselligkeit“) verstärkten das Gefühl, in einer neuen Heimat angekommen zu sein.

Im Jahr 1900 wurde Camilla Jellinek von ihrer engen Freundin Marianne Weber gebeten, eine Rechtsschutzstelle für Frauen und Mädchen mitzubegründen und darin mitzuarbeiten. Jellinek nahm engagiert und mit Freude die Herausforderung an und nannte diese neue Lebensaufgabe ihr „zweites Leben“. Die Rechtsschutzstelle bot eine rechtliche Beratung und Unterstützung für Frauen mit sozialen und juristischen Problemen an. Die meisten Klientinnen kamen aus den unteren sozialen Schichten, wovon besonders die materielle und seelische Not von Kellnerinnen Jellinek aufgefallen war. Diese Bediensteten erhielten damals noch keine regelmäßige Entlohnung und mußten sich daher mit Trinkgeldern begnügen. Jene Form der Ausbeutung förderte den Alkoholismus, die Prostitution und die sexuelle Gewalt durch die Wirte, bei denen die Aushilfen in der Regel auch wohnten. Jellinek versuchte, diese chronische soziale Notlage mit der Gründung eines Wohnheims für Kellnerinnen zu lösen. Ab November 1907 gab es ein solches Wohnheim in der Sandgasse 10, doch die seelische Zerrüttung der Bewohnerinnen war laut Jellinek soweit vorangeschritten, daß sie das Wohnheim schon Anfang 1909 wieder schloß und später sogar ein Berufsverbot für Kellnerinnen forderte.

Ein weiterer Schwerpunkt ihres Engagements war die Abschaffung des Abtreibungsverbots (§ 218). 1906 wurde sie in die Rechtskommission des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) gewählt, nach dem Tod ihres Mannes 1911 nahmen ihre Berufungen in weitere Ehrenämter ständig zu. Im September 1930 ehrte sie dafür die Universität Heidelberg mit einer Ehrendoktorwürde, die Laudatio sprach der frühere Justizminister Gustav Radbruch. Nach 1933 trat sie schweren Herzens von allen Ehrenämtern zurück und stellte auch ihre publizistische Tätigkeit ein. Während sie noch vorläufig von den Verfolgungen des NS-Regimes verschont geblieben war, wurde nach ihrem Tod (1940) ihre Tochter Dora in das KZ Theresienstadt deportiert, was diese überleben konnte, und ihr Sohn Otto verstarb nach einer Gestapo-Inhaftierung an einer Gehirnhautentzündung. Der älteste Sohn Walter beteiligte sich nach Kriegsende in einer Kommission der US-Militärverwaltung an der Ausarbeitung einer neuen Verwaltungsgerichtsbarkeit und führte danach das elterliche Vermächtnis als Ordinarius für Verwaltungsrecht fort.

Grabstelle: Litera D 309


Grabanlage Jellinek, Litera D 309

Literatur

Klaus Kempter: Die Frauenfrage als Rechtsfrage: Camilla Jellinek (1860-1940). In: Frauengestalten. Soziales Engagement in Heidelberg. Schriftenreihe des Stadtarchivs Heidelberg. Guderjahn, Heidelberg 1995, ISBN 3-924973-36-9, S. 36 – 52.

Klaus Kempter: Die Jellineks 1820 – 1955. Eine familienbiographische Studie zum deutschjüdischen Bildungsbürgertum. Droste, Düsseldorf 1998, ISBN 978-3-7700-1606-8.

Marion Röwekamp: Jellinek, Camilla. In: Marion Röwekamp, Juristinnen. Lexikon zu Leben und Werk. Baden-Baden, Nomos 2005, ISBN 978-3-8329-1597-1, S. 159-162.